cbt Cover - Teufelsengel

Porträt

 

Die Gedankensammlerin

 

Ein Besuch bei der Thriller-Autorin Monika Feth

 
Monika Feth

© Isabelle Grubert

Der Bussard sitzt reglos auf einem Zaunpfahl, blickt durch den Garten zu uns herüber, beobachtet uns. Wir schauen ihn an, schweigen, bewegen uns nicht, um ihn nicht zu verscheuchen. Viel später öffnet er die Flügel und erhebt sich in den Himmel. „Er besucht mich oft“, sagt Monika Feth. Dann lacht sie: „Ich habe ihn Imke nur geliehen. Es scheint ihm ja mühelos zu gelingen, zwischen den Welten zu fliegen.“

Zwischen zwei Welten, die sich immer wieder berühren. Da ist die reale Welt, in der Monika Feth lebt. Ein kleines Erdbeerdorf in der Nähe von Köln, in dem es einen Briefkasten gibt und eine Telefonzelle, eine Kirche und eine Kneipe und jede Menge Katzen. Und da ist die fiktive Welt, in die sie Tag für Tag eintaucht. Jette ist hier zu Hause, ihre Freundin und Mitbewohnerin Merle, der Kommissar Bert Melzig und Jettes Mutter Imke Thalheim, die den Bussard für ihren Wächter hält: Solange er auf dem Dach ihrer alten Mühle sitzt, kann ihrer Tochter nichts passieren.

Doch Jette gerät immer wieder in Gefahr. Schwört im Erdbeerpflücker, den Mörder ihrer Freundin Caro zu finden – und verliebt sich in ihn. Der erste Jette-Band ist im Jahr 2003 erschienen, mit ihm hat Monika Feth ein Stück Literaturgeschichte geschrieben: Der Erdbeerpflücker hat das Genre des Psychothrillers für Jugendliche geöffnet und die Erfolgswelle der Jugendthriller ausgelöst.

 

„Der Erdbeerpflücker hat mein Leben verändert“

 

Ihre Geschichten sind poetische Psychothriller. Sie entwickeln sich zwischen den Zeilen, leise und unaufdringlich. Die Autorin kommt ohne spritzendes Blut und brutale Angstszenen aus, eine schier unerträgliche Spannung ist bei ihr nicht an die Darstellung äußerer Gefahr und Gewalt gekoppelt. Sie lässt den Thrill erst im Kopf des Lesers entstehen, und das macht ihre Geschichten umso verstörender. Monika Feth schreibt von innen. Sie erzählt in sensiblen Porträts, multiperspektivisch. Sie interessiert sich für jeden einzelnen Menschen, gibt jedem eine eigene Stimme und viel Raum für seine meist brüchige Lebensgeschichte. All ihre Figuren sind auf der Suche, sie haben noch nicht alle Antworten gefunden. Wie die Autorin selbst. Auch jetzt am Frühstückstisch auf der Terrasse ihres Hauses ist die Anwesenheit der Figuren zu spüren. Sie tragen ein Stück von ihr in sich, ihre Gedanken, ihre Gefühle. Sie alle sind ihr sehr nah. Besonders Merle, ihre Lieblingsfigur. So wie sie wäre Monika Feth früher gern gewesen. („Ich liebe sie alle!“)

„Endlich muss ich mich nicht mehr nach 300 Seiten von meinen Figuren verabschieden“, sagt Monika Feth. „Sie dürfen mich seit Jahren begleiten. Und ich sie. Der Erdbeerpflücker hat mein Leben verändert.“ Dabei war das Buch gar nicht als Auftakt zu einer Krimireihe geplant. Doch als sie mit der Arbeit an einer neuen Geschichte begann, ursprünglich einem Drehbuch fürs Fernsehen, drängte sich wieder Jette in ihre Gedanken und beanspruchte die Hauptrolle für sich. Monika Feth ließ es geschehen, schrieb einen Roman, den zweiten Jette-Thriller Der Mädchenmaler. Und konnte sich nach diesem Buch noch weniger von ihren Figuren trennen.

Der Scherbensammler, Der Schattengänger, Der Sommerfänger folgten. Und nun Der Bilderwächter. In jedem Buch steht eine andere Figur im Fokus. Jette, Ilka, Mina, Imke, Luke. Ihre Freundschaftssgeschichte hält alle Bücher zusammen. Für Monika Feth sind die Thriller einzelne Kapitel eines einzigen großen Entwicklungsromans. Die Figuren verändern sich, werden älter, wachsen manchmal über sich hinaus. Sie lieben leidenschaftlich. Sie leiden.

 

Ein Spiel, in dem alles möglich zu sein scheint

 
Monika Feth

© Isabelle Grubert

Und hin und wieder begegnen sie sich über die Reihengrenzen hinweg. Mit Teufelsengel hat Monika Feth eine zweite Thriller-Serie begonnen, die sie im Wechsel mit den Jette-Krimis schreibt. Die junge Journalistin Romy steckt darin von Berufs wegen ihre Nase in allerlei Kriminalfälle – und durchkreuzt immer wieder die Ermittlungen von Kommissar Bert Melzig, der in beiden Romanwelten lebt. Auch Romy und Jette begegnen sich, Jette hat einen kleinen Gastauftritt im zweiten Romy-Thriller Spiegelschatten. Das war als Geschenk an Jettes Fans gedacht.

Doch inzwischen ist es viel mehr als das: Ein Spiel, in dem alles möglich zu sein scheint. Und in Monika Feths Kopf entstehen schon die nächsten Geschichten. Es gibt einige Themen, die sie nicht loslassen. Und die sie zwingen, irgendwann darüber zu schreiben. Mit dieser Faszination beginnen all ihre Bücher. Inzest, Multiple Persönlichkeitsstörung, Stalking, Manipulation ... Monika Feth kleidet komplexe Themen in das Gewand eines Thrillers. „Und meine Leser gehen mit mir, begleiten meine Figuren und mich durch all unsere Geschichten. Ich bin sehr glücklich mit ihnen.“
Dann überlegt sie kurz und sagt: „Kommen Sie, ich zeig Ihnen was Schönes. Haben Sie noch Zeit?“ Und so fahren wir los. Durch das endlose Grün der Erdbeerfelder, das nur ab und an von kleinen Häuserinseln durchbrochen wird und in dem sich sacht bunte Tupfen bewegen: Erdbeerpflücker bei der Arbeit. Über die Autobahn Richtung Düsseldorf, wo Ilka im Bilderwächter wohnt. Hin zur Museumsinsel Hombroich – sie ist Monika Feths Ort der Stille.

 

Ihre Art zu schreiben

 

Eine weite, verwunschene Auenlandschaft, in der sich Natur und Kunst miteinander verbinden, einander bedingen, ineinander wachsen. Unvorhersehbar. In alten, offenen Gebäuden inmitten des Parks stellen Künstler ihre Werke aus, viele sind auf der Insel entstanden. Bilder, Skulpturen, Installationen. Die Kunst ist geschützt vor dem Regen, aber nicht vor der Witterung. Und nicht vor den Menschen. Auf der Museumsinsel gibt es keine Museumswärter, die Kunst darf hier ohne Wächter leben. Die Insel entspricht Monika Feths Art zu schreiben sehr. Ihre Geschichten entstehen aus sich selbst heraus, sie schreibt ohne Plan. Sie lässt ihre Figuren laufen, folgt ihnen neugierig durch ihre Welt. Engt sie nicht ein, lässt sie wirklich lebendig werden. Nur selten passiert es, dass eine Figur einen Weg wählt, den Monika Feth nicht mitgehen möchte. Dann wartet sie ab, manipuliert ihre Figur nicht, beherrscht sie nicht. Lässt das Unterbewusstsein arbeiten. Bis Autorin und Figur etwas Neues voneinander begriffen haben und gemeinsam weitergehen. Vor einem Bild bleiben wir stehen. Es zeigt ein Stück Küste und den Himmel über dem Meer. Ein Blick wie aus dem Fenster ihres kleinen Schreibhauses an der Ostsee, wo Monika Feth immer wieder intensive Wochen mit Jette verbringt. Sie wäre gern Malerin geworden, wollte auf die Kunstakademie. Doch ihr kluger Vater war nicht einverstanden und schlug einen Kompromiss vor: Ein Jahr lang sollte sie etwas anderes studieren. Und wenn sie dann immer noch malen wollte, dann durfte sie.

 

Das Leben in Literatur umwandeln

 

Monika Feth studierte Literaturwissenschaften. Einmal selbst zu schreiben, hätte sie sich damals nicht zugetraut. In Deutsch war sie nie eine gute Schülerin. Sie habe zu viel Phantasie, meinten die Lehrer. Doch dann zerbrach einer ihrer besten Studienfreunde während des Examens unter dem Leistungsdruck und nahm sich das Leben. Und mit etwas Abstand begann Monika Feth zu schreiben, Gedankensplitter, Alltagsskizzen, sie wandelte das Leben in Literatur um, behutsam gegenüber den anderen und sich selbst. Sie schrieb, um zu überleben und niemals zu vergessen. Wir gehen weiter, streifen durch die Natur. Erzählen, schweigen. Weichen immer wieder vom Weg ab, entdecken kunstvolle Kleinigkeiten, Kostbarkeiten. Sammeln Gedanken und lassen in der Phantasie ungezügelt Bilder entstehen. Schließlich führt Monika Feth uns zielsicher zu einer kleinen Abzweigung. Wir folgen dem schmalen, gewundenen Weg durch dichte Sträucher und stehen plötzlich vor einem Wasserbecken. Die Wasseroberfläche glänzt algengrün, an den moosbedeckten Rändern stehen Steinfiguren, menschliche Körper ohne Köpfe, ohne Arme. Monika Feths Lieblingsplatz. Ein Ort, mit dem sie das vollkommene Glück verbindet, Schönheit und Inspiration. „Wenn ich diese Momente in Literatur verwandeln kann und sie für den Leser noch eindrücklicher und schöner werden – dann habe ich das geschafft, was ich möchte.“

 

Text: Anja Lehmgrübner